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Transparente Flügel. Das nervige Summen. Das auffällige Reiben der Vorderbeine.

Meine Augen beobachteten fasziniert die Bewegungen einer Fliege, die auf meiner Hand ihr Unwesen trieb. Ich erinnerte mich daran, wie ich die andere hob und kräftig ausholte, ehe ein lautes 'Klatsch' durch mein Zimmer hallte. Doch unter meiner Hand verbarg sich nicht der erwartete Leichnam der Fliege, stattdessen nahm ich das erneut auftretende Summen der Fliege wahr, die sich vorsichtig oben auf der rechten Ecke des Fensters niederließ.

Das Klingeln an der Haustür riss mich aus meinen Gedanken. Schnell stand ich auf, um diese zu öffnen und erblickte die vertrauten, eisblauen Augen. Dort stand er. Der Junge, welcher seit der Vorschule mein bester Freund war. Jeff grinste und deutete auf meinen Oberkörper. ,,Ich wollte dich eigentlich entführen und mit dir einen Ausflug zum See machen, aber laut deinem Outfit wird das wohl heute nichts, was?'' ,meinte er sarkastisch und lief an mir vorbei, in Richtung Wohnzimmer. Verwirrt schloss ich die Tür und lief ihm schnell hinterher. ,,Sag mal, kannst du dich daran erinnern, wie ich dich reingebeten habe?'' Gespielt kratzte ich mir fragend an den Kopf und schaute zu Jeff, welcher bereits auf unserer Couch lag. ,,Ich denke, dass wir den Tag heute hier verbringen können, findest du nicht?'' ,,Äh, klar, warum nicht.''

Ich ließ mich neben ihm fallen. ,,Warum wolltest du mit mir zum See?'' Er zögerte, ehe er mir antwortete. ,,Ich wollte mit dir über etwas reden.'' ,,Und worüber?'' Jeff fuhr sich nervös durch seine Haare. ,,Naja, wir...wir ziehen um. Nach Atlanta.'' Baff schaute ich ihn an. ,,Jeff, wenn das ein Scherz ist, dann-'' ,,Das ist kein Scherz, ich mein's ernst!'', unterbrach er mich und setzte sich hin. ,,Mein Vater hat eine neue Stelle bekommen und mit dem Auto wäre es zu weit.'' Ich blieb still. Wie konnte er nach so langer Zeit umziehen? ,,Bitte, Eve, sag doch was.'' ,,Was soll ich denn sagen?'' ,unterbrach ich mein Schweigen. ,,Ich kann doch auch nichts dagegen machen!'' Ich schüttelte meinen Kopf. ,,Das ist es nicht. Ich freue mich ja für euch, aber du ziehst einfach um...nach so vielen Jahren. Was soll ich denn ohne dich machen?'' ,,Du wirst mich doch wiedersehen! Ich kann dich besuchen, oder deine Eltern fahren dich zu uns. Man braucht schon mehr, als einen Umzug, um mich loszuwerden, glaub mir.'', sagte er grinsend. ,,Sicher?'' ,,Sicher!''

Wir verbrachten die restlichen Tage zusammen, wobei nicht eine Minute verging, in der ich nicht über den Umzug nachdachte. Ich hatte zu viel Angst. Angst davor, Jeff das letzte Mal zu sehen. In der Nacht vor dem Umzug machte ich kein Auge zu. Es raubte mir quasi den Schlaf und ich bemerkte Sekunde für Sekunde, wie eine kleine Welt für mich zusammenbrach und wie schwer es für mich werden würde.

Jeffs Vater wurde dringend in Atlanta gebraucht, weswegen sie relativ schnell umzogen. Seine Familie sah ich zum letzten Mal vor dem Auto, während sie die ganzen Kartons im Kofferraum verstauten. Jeff saß vor der Tür und schaute verträumt in die Ferne. Ich setzte mich schweigend zu ihm. ,,Ich werde dich echt vermissen, Evelyn.'' ,flüsterte er nach einer kurzen Zeit und schlang seine Arme um mich. ,,Ich dich auch, Jeff. Ich dich auch...''

Seine Mutter räumte die letzten Kartons in den Kofferraum, bevor sie Jeff zu sich riefen. Nachdem sie mich und meine Eltern ebenfalls umarmten, stiegen sie ins Auto und fuhren fort. Meine Hand winkte dem Auto hinterher, ehe es hinter der nächsten Ecke verschwand und ich es nie wieder sah...

Noch am selben Abend klingelte das Telefon, weswegen ich hastig nach unten lief, abhob und mich auf die Couch warf. ,,Hallo?'' ,,Jeff am Apparat!'' ,hörte ich ihn sarkastisch sagen. ,,Oh mein Gott, hey! Wie geht es dir? Seid ihr heile angekommen? Wie sieht euer neues Haus aus? Wann kann ich-'' ,,Atmen, Evelyn, Atmen!'' Ich holte tief Luft und atmete wieder aus. ,,Tut mir leid, ich bin nur so froh, dass du anrufst.'' Er lachte. ,,Klar. Es ist alles okay! Das Haus ist ziemlich groß und Mom sagte, dass es nicht lange dauern wird, bis wir zur Schule gehen können. Ich hoffe nur, dass die nicht aus Idioten besteht!'' ,seufzte er. ,,Keine Sorge, du schaffst das schon.'' ,,Du, ich ruf Morgen oder Übermorgen nochmal an, okay? Ich wollte nur mal hallo sagen und bin echt müde.'' ,,Natürlich. Bis dann, schlaf gut!''

Jeff rief am nächsten Tag wieder an. Sofort fiel mir die Unsicherheit in seiner Stimme auf. ,,Ist wirklich alles in Ordnung? Du hörst dich ein wenig seltsam an.'' ,fragte ich misstraurisch nach. Er atmete verzweifelt aus. ,,Ich hatte heute auf dem Schulweg eine...Schlägerei.'' Verwirrt runzelte ich die Stirn. ,,Eine Schlägerei? Du?'' ,,Ja. Liu und ich wurden von ein paar Vollidioten aufgehalten. Die haben seine Brieftasche geklaut, aber ich habe mich vor ihn gestellt und gesagt, dass sie sie wieder rausrücken sollen. Doch der eine hat plötzlich ein Messer gezückt und, wie soll ich das erklären...ich habe ihm eine verpasst. Aber nicht nur das. Die anderen beiden sind auf mich losgegangen, also habe ich das Messer genommen und zugestochen. Dem anderen habe ich in den Magen geschlagen, Eve. Einfach so.'' Schockiert riss ich die Augen auf und stammelte vor mich hin. ,,Du..du...'' ,,Ich hatte währendessen so ein komisches Gefühl. So...befreiend. Es hat sich so gut angefühlt.'' ,,Gut?! Du hast jemanden abgestochen, Jeff!'' ,,Ja, aber er hat es verdient, verstehst du das denn nicht? Er hat es verdient, zu leiden, verdammt nochmal!'' ,rief er wütend. 

In meinem Kopf drehte sich alles. So kannte ich ihn nicht. Ich fühlte mich so, als hätte man meinen besten Freund, welchen ich schon seit Jahren kannte, durch eine andere Person ersetzt. Als hätte man ihm eine Gehinrwäsche verpasst, oder ihn hypnotisiert. Ihm eine Scheinwelt aufgetischt. ,,Was redest du denn da? Das gibt dir noch lange nicht das Recht dazu, ihn zu verletzen! Er ist auch nur ein Mensch!'' Stille. Danach das plötzliche Piepen. 

Er hatte aufgelegt.

Ich versuchte Jeff oft zurückzurufen, doch er nahm entweder nicht ab oder drückte mich weg. Tagelang hörte ich nichts von ihm, bis seine Mutter eines Tages bei uns anrief. Er lag im Krankenhaus. Jugendliche hatten auf einer Party Bleichmittel und Alkohol auf seinen Körper geschüttet und ihn angezündet. Die Nachricht ließ mich erschaudern. Ich fühlte mich elend und dass ich ihn nicht besuchen konnte, machte es nur noch unerträglicher. 

Traurig verbrachte ich den Abend vor dem Fernseher. Meine Eltern waren ausgegangen und so hatte ich das Wohnzimmer für mich allein. Oft drückte ich auf der Fernbedienung herum, in der Hoffnung, ich würde eine brauchbare Sendung finden, die mich einwenig ablenken würde, doch plötzlich stieß ich auf einen Nachrichtensender, welcher voll mit Einblendungen war.

,,...Die Polizei ist immernoch auf der Suche nach dem jungen Mann, welcher vor ein paar Stunden eine Familie in Atlanta brutal in ihrem Haus ermordet hatte. Die Polizei spricht von insgesamt 3 Toten, darunter auch ein Kind. Laut Augenzeugen ist er ungefähr 1,70 Meter groß, trägt einen weißen Kapuzenpullover und eine schwarze Hose...'' 

Schniefend wollte ich gerade wegdrücken, als die Bilder der Familie eingeblendet wurden. Mein Herz setzte für einen Moment aus und ich ließ die Fernbedienung fallen. ,,Nein... " Es war Jeffs Familie gewesen. Die Tränen stiegen wieder in meine Augen und ich starrte weiterhin schockiert auf den Fernseher.

Doch es waren nur 3 Tote gewesen, denn Jeff war auf keinem Bild zu sehen.

,,...Die Polizei ist immernoch auf der Suche nach dem jungen Mann..."

,,...Laut Augenzeugen ist er ungefähr 1,70 Meter groß..."

,,...Er trägt einen weißen Kapuzenpullover und eine schwarze Hose..."

Ein Kratzen am Fenster riss mich aus meinen Gedanken. Ängstlich stand ich auf und starrte auf den von Dunkelheit ummantelten Vorhang, welcher sich durch das offene Fenster hektisch hin und her bewegte.

Es herrschte Stille. Mein Herz schlug in schnellen Bewegungen gegen meinen Brustkorb und ich spürte, wie das Adrenalin mich in den Wahnsinn trieb. Stumm legte jemand seinen Arm um meine Taille und mir stieg der vertraute Duft in die Nase.

Das Blut gefror.

Das scharfe Messer streifte meinen Hals.

Meine Sicht verdunkelte sich und der Schmerz durchfuhr in sekundenschnelle meinen Körper.

Die Tränen rollten über meine Wange.

Das Letzte, was ich wahrnahm, war das raue Flüstern an meinem Ohr. 

,,Gute Nacht..."

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